“Nachbarschaft” als Grundkomponente von KCG

Fr04-356_Tewes“Nachbarschaft” als Grundkomponente von Kleinen Christlichen Gemeinschaften in Westeuropa?

 1. Grundpfeiler: “Gemeinschaft in der Nachbarschaft”

Die vier Grundpfeiler von Kleinen Christlichen Gemeinschaften sind: 1. Gemeinschaft in der Nachbarschaft, 2. Spiritualität/Bibel, 3. Soziales Engagement, 4. Verbindung mit der Kirche/ Teil von Kirche sein.

Nachbarschaft/sozialer Nahraum:

Das deutsche Konzept von “Nachbarschaft” ist kleiner, enger, als z.B. das engliche Konzept von “neighbourhood”. Es geht nicht nur um das Haus nebenan, eher um das Dorf, die Siedlung, konkrete Straßenzüge, den sozialen Nahraum oder auch aller Bewohner eines Hochhauses (z.B. in Korea).

Katholiken einer solchen konkreten “Nachbarschaft” bilden eine Kleine Christliche Gemeinschaft, sind eine Gemeinde oder  auch Teil einer Filial- oder Basisgemeinde. In Asien und Afrika ist das gesamte Pfarrgebiet in solche KCGs eingeteilt. Diese treffen sich regelmäßig (wöchentlich, 14-tägl., monatl.) in Privathäusern. Wie jeder Getaufte, der in einer Pfarrei wohnt, zu dieser Pfarrei gehört, so gehört auch jeder Getaufte, der im Gebiet der KCG wohnt, dazu – auch wenn er/sie nicht (immer) an den Treffen teilnimmt.

Damit bilden die Kleinen Christlichen Gemeinschaften die Realisierung von Kirche vor Ort. Kirche in ihrer Konkretion in der Nachbarschaft übernimmt und lebt alle Grundfunktionen von Kirche: Liturgia (im Feiern gemeinsamer Gottesdienst in verschiedenen Formen – auch gelegentliche Eucharistiefeier, wenn der Priester in die KCG kommt, meißt aber als Wort-Gottes-Liturgien wie z.B. Formen des Bibel-Teilens), Diakonia (im sozialen Engagement im konkreten Lebensumfeld, Krankenbesuche, Mitmachen bei Stadtteil- und Dorfaktivitäten und -initiativen, Nachbarschaftshilfen…), Martyria (Übernahme von Katecheseaufgaben im Bereich Erstkommunion-, Beicht-, Ehe- und Taufvorbereitung; Integration von Katechumenen; Zeugnis des Glaubens in der Nachbarschaft durch einladende Präsenz, Besuche, Hilfe) und Koinonia (Gemeinschaft der Glaubenden im regelmäßigen Treffen, Bibel-Teilen und anderen Gottesdiensten, gemeinsamer Aktion, beim Dienste-Teilen und Leben-Teilen und damit auch bei gemeinsamen Freizeitaktivitäten, Festen).

In Deutschland in der Nachbarschaft mit KCGs beginnen?

Die Bedeutung der Nachbarschaft als Lebens- und Beziehungsraum hat in Deutschland und ganz Westeuropa in den letzten Jahrzehnten enorm abgenommen. Besonders in den Städten orientieren sich die Menschen oft nach ganz anderen Kategorien. Wohnort, Arbeitsort, Ort der Freizeitbeziehungen und oft auch der Kirchort fallen auseinander. Man kennt den Wohn-Nachbarn nur noch vom Sehen, sucht sich seine Freunde woanders. Man scheint sich nicht mehr zu brauchen und die Mobilität lässt Beziehungspflege mit „Gleichgesinnten“ im weiten Umfeld zu.

Kann man in einer solchen Realität sozialer Beziehungsstrukturen eine lokale Kirchenentwicklung betreiben, die auch nahräumliche Sozialformen (eben Formen von Kleinen Christlichen Gemeinschaften) anstrebt (wie in Afrika, Asien und Lateinamerika) oder sollte man „Nachbarschaft“ in Europa vielleicht im Sinne von „Menschen in meinem Lebenskontext“ interpretieren?
Die asiatischen Experten warnen uns davor, der Herausforderung der räumlichen Nachbarschaft auszuweichen (siehe unten). Die soziale Verantwortung wird ernst und nachfragbar im geografischen Nahbereich der “Nachbarschaft”. Das Kriterium einer klar abgegrenzten Nachbarschaft (die man sich allerdings nicht zu klein vorstellen muss) nimmt der Auswahl neuer Gruppenmitglieder die Beliebigkeit. Eine Kleine Christliche Gemeinschaft muss prinzipiell offen sein für alle Glaubenden, nicht nur für die mir Gleichgesinnten oder die mir Sympathischen. Sonst wird sie schnell zu einer „geschlossenen Gesellschaft“ zur „Kuschelgruppe“, die sich abschließt für andere. Dann ist es nicht mehr “Kirche”.

Eine andere Frage ist, ob man in Deutschland nicht angesichts der gerade beschriebenen soziologischen Realität beim Aufbau Kleiner Christlicher Gemeinschaften mit anderen Gruppen, die sich nicht in einer geographischen Nachbarschaft gebildet haben, beginnen kann. Könnte sich nicht ein Familienkreis, eine Bibelgruppe, eine Frauengruppe oder ein Katechetenkreis dazu entscheiden, sich auf den Weg zu machen eine Kleine Christliche Gemeinschaft zu werden und das Gruppenleben nach den Grundpfeilern dieses Konzeptes zu gestalten?

Die Erfsahrungen in verschiedenen Ddiözesen und Pfarreien in Deutschland zeigen, das dies nicht funktioniert. Jede Gruppe, die sich gründet tut dies mit einem bestimmten Ziel, hat einen “genetischen Code” (z.B. ein Familienkreis). Wenn man dieses Ziel ändert, wird sich die Gruppe in Frage stellen und Mitglieder verlieren, die nicht zu diesem Zweck in die Gruppe eingetreten sind. Außerdem haben wir ja schon oben festgestellt, dass es nicht um Gruppe geht, sondern um Kirche-Sein. Kirche-Sein heißt gesendet sein. Wohin sind wir gesendet? – Das wird sich die Gruppe fragen, wenn sie wirklich auf diesem Weg ist. So wird nach einiger Zeit auch hier die Kategorie „Nachbarschaft“ ins Spiel kommen.
Der soziale Nahraum, die “Nachbarschaft” (die “Kleine Christliche Gemeinschaft” also, die “Gemeinde am Ort”) kann sicher auch ein Krankenhaus sein, ein Hospiz, eine Schule, das Familienumfeld einer Kindertagesstätte…, wenn sich Menschen hier als Kirche vor Ort verstehen und Aktivitäten nach den vier oben genannten Grundpfeilern entwickeln.

Was also für eine geographische Orientierung von Kirche am Ort, für “Nachbarschaft” spricht:

  • Wo soll sich (nachprüfbar und lebensnah) das soziale Engagement der KCG realisieren, wenn nicht in der Nachbarschaft?
  • Wo können Menschen besucht werden, können Beziehungen unter Christen dadurch neu entstehen, wie kann einladend auf die KCG hingewiesen werden, wenn man nicht zunächst einfach als Nachbar beziehung aufnimmt, Leute beim Einkaufen grüßt, die man vom Sehen her kennt…?
  • Und wenn die Beteiligung an der KCG wächst, die Treffen zu groß werden (die Erfahrung Zeigt, dass kirche dann wächst)? Dann muss sie sich teilen. Und das Kriterium der Teilung muss wiederum sich orientieren an der Geographie der Wohnungen, an der (möglicherweise durchaus weiträumigen) Nachbarschaft.

„Ich glaube, dass das Konzept der Kleinen Christlichen Gemeinschaften nur in solch heterogenen Gruppen, wie sie die Nachbarschaft bietet, seine integrierende Kraft entfalten kann und vor spiritueller Elitenbildung geschützt ist.“ (Bernhard Spielberg)
Herausforderung “Nachbarschaft” – Bemerkungen von Wendy Louis, Singapur, zu unseren deutschen Bedenken

Die Tatsache, dass Kleine Christliche Gemeinschaften in den afrikanischen und asiatischen Konzepten immer in der Nachbarschaft – also in einem geographisch klar umrissenen Raum – angesiedelt sind (und damit nicht nur eine personale, sondern auch eine räumliche Substruktur von Gemeinde bilden) wird in Deutschland immer wieder kritisch angefragt. Viele halten dies in Westeuropa nicht für realisierbar, weil die traditionelle Nachbarschaft – so meinen sie – nicht mehr funktioniert und der Wohnkontext für viele Menschen nicht mehr der Bezugsrahmen für Beziehungen bilde.
In den letzten Jahren hat sich dieser gesellschaftliche Trend allerdings offensichtlich verändert. Sozialrauminitiativen im komunalen Bereich werden gerade außerhalb von Kirche immer mehr. Das sozialarbeiteriche Konzept des Community-Building ist anerkannt und erfolgreich. Menschen wollen wieder Nachbarschaft, wollen sich für ihren Stadtteil, ihr Dorf engagieren, suchen sich bewußt aus, in welchen ssozialraum, in welchem Kiez sie wohnen und leben wollen.

Buch_die-rueckkehr-der-verantwortungDas internationale KCG-Symposion Juni 2010 “Die Rückkehr der Verantwortung – Kleine Christliche Gemeinschaften und sozialräumliche Initiativen als Kirche in der Nachbarschaft”, dessen Beiträge auch als Buch erschienen sind, hat sich intensiv diesem Thema gewidmet. Näheres hier.

Wendy Louis, lange Leiterin des Pastoralinstitutes der Erzdiözese Singapur, jetzt Directorin des Laity-Offiche der Föderation der asiatischen bischofskonferenzen, sieht durch den Verzicht auf die Dimension “Gemeinschaft in Nachbarschaft” das Konzept sogar grundsätzlich gefährdet. Nach Gesprächen und Erfahrungen während einer Seminarreise in Deutschland im Juni 2005 schreibt sie in einer Reflexion:

Wendy Louis, Singapur

Wendy Louis, Singapur

“Es gibt viele Gruppen, deren Mitglieder aus allen Teilen der Pfarrei oder der Stadt kommen. Warum können wir diese Gruppen nicht Kleine Christliche Gemeinschaften nennen? Dies war die am häufigsten gestellte Frage in den Diskussionen über die Natur der Kleinen Christlichen Gemeinschaften bzw. der Christlichen Basisgemeinschaften. Die theologische Basis für solch eine Gruppe ist, dass die Kirche nur erfahren werden kann, wenn wir eine Gruppe sind, die die Realität der Kirche widerspiegelt. Der Zugang zur Kirche kann nicht exklusiv über Freundschaft oder Interesse gehen. Wenn wir eine Gruppe von Freunden sind, die nicht offen ist dafür, dass andere dazukommen können, dann kann diese Gruppe keine Kleine Christliche Gemeinschaft werden. Diese Feststellung war am schwierigsten für die Leute in Deutschland zu akzeptieren und doch das ist es der Schlüssel dafür, Klei-ne Christliche Gemeinschaften zu haben, die wirklich „Kirche in der Nachbarschaft“ sind, genauso wie die Familien die „Haus-Kirchen“ sind.
Was wir in der Praxis tun müssen ist, die Vision für uns klar zu halten und den Leuten bewusst zu machen, was das Ideal ist, während wir akzeptieren, wo sie gerade sind und während wir mit ihnen arbeiten. Mit den Menschen arbeiten meint z. B., dass wir ihnen helfen zu begreifen, wie wichtig es ist, den Schritt 6 (Sendung) in ihren Bibel-Teil-Gruppen auszuführen. Das heißt, dass wir fortwährend Bewusstseinsprogramme anbieten bei allen Treffen und Konferenzen, um das Verständnis der Kirche von der Apostelgeschichte her zu vertiefen und das Verständnis dafür, wie dies in das heutige Leben übersetzt werden kann. Der wichtige Punkt, den wir im Kopf behalten müssen ist, dass die Leute immer eingeladen und nie gezwungen werden, damit ihr Bewusstsein dafür wächst, dass sie selbst Kirche sind. Sie entscheiden für sich selbst, wie sie ihren Glauben ausdrücken werden.”

 

Dieter Tewes, Teilnehmer eines der Seminare mit Wendy Louis, ergänzt die Gedanken von Wendy Louis mit einer spirituellen Erfahrung während des Seminars:

“Wendy Louis erwähnt in ihrer Reflexion die Gespräche, die sie zu der Frage hatte, ob Kleine Christliche Gemeinschaften auch in Deutschland wirklich in der Nachbarschaft beheimatet sein sollten. Sie gibt diesem Abschnitt die Überschrift “Unpopuläre / unbeliebt Konzepte” und wir alle haben ja schon über diesen Punkt diskutiert und nachgedacht.

Auch auf dem gemeinsamen Seminar mit Wendy Louis für die Diözesen Hamburg, Hildesheim und Osnabrück in Worphausen wurde dieser Punkt kritisch angefragt. Er ist einer der vier Grundpfeiler von Kleinen Christlichen Gemeinschaften (Diese sind: 1. Gemeinschaft in der Nachbarschaft, 2. Spiritualität/Bibel, 3. Soziales Engagement, 4. Verbindung mit der Kirche/ Teil von Kirche sein).

Wir haben also in diesem Seminar heftig darüber diskutiert, ob für unseren Kontext nicht doch die freundschaftliche Beziehung oder die gleichen Interessen Basis für eine gemeinsame Mitgliedschaft in einer Kleinen Christlichen Gemeinschaft sein könnte. Wendy Louis hat immer darauf hingewiesen, dass gerade die Nachbarschaft die wesentliche Herausforderung für Christen und damit für dieses Konzept darstellt.

In der Abendeinheit des selben Tages haben wir miteinander die Bibel geteilt. Bibeltext für dieses Bibel-Teilen sollte das Tagesevangelium sein. Das Tagesevangelium war aus der Bergpredigt (Mt 5) und sprach von der Feindesliebe. Da kam auch Vers 47 vor: “Wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?”
Das Bibel-Teilen machte uns allen klar, dass hier unser Problem des Nachmittags angesprochen war: “Wenn ihr nur mit denen Kleine Christliche Gemeinschaften bildet, mit denen ihr auch sonst auf einer Wellenlänge liegt, Gemeinschaft pflegt und gut auskommt, was tut ihr da Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?”

Es wurde klar: Genau wie ich in eine Familie hineingeboren werde, mir also meine Geschwister nicht aussuchen kann, sondern herausgefordert bin, mich mit ihnen zusammenzuraufen, mit ihnen zu arrangieren, genauso bin ich in eine Nachbarschaft hineingesetzt, die ich mir letztlich nicht ausgesucht habe. Die Christen in dieser Nachbarschaft sind mir als Teil meiner Gemeinde gegeben, mit der ich auskommen muss, die mir Brüder und Schwestern im Glauben sind.

In Deutschland schwingen bei dem Wort “Gemeinschaft” sehr intensive Gefühle mit, die eine sehr intensive und intime Beziehung meinen. Eine solche intime Beziehung ist in Kleinen Christlichen Gemeinschaften nicht gemeint. Es darf ruhig Spannungen und Meinungsverschiedenheiten geben. Trotzdem müssen wir uns bewusst sein, dass wir in dieser Nachbarschaft, in dieser Kleinen Christlichen Gemeinschaft “Kirche” sind und leben und auf dieser Basis miteinander an Kirche arbeiten, auch wenn wir sonst manchmal Schwierigkeiten miteinander haben. Im englischen wird das Wort Comunity auch für Gemeinde (Pfarrgemeinde) gebraucht. Es ist nicht die Kuschelgruppe.

Ich denke also, wir müssen unseren Gemeinschaftsbegriff etwas von dem Idealisierungspodium herunterholen, um realistisch damit leben zu können, denn es braucht das nachbarschaftliche Konzept, um wirklich missionarische Kirche zu sein. Erst wenn eine Gruppe Kleine Christliche Gemeinschaft in der Nachbarschaft ist, ist sie wirklich auch herausgefordert, zu den Menschen in dieser konkreten Nachbarschaft, in diesen nahen Lebensumfeld zu gehen, Kontakte aufzubauen, Menschen zu besuchen, Hilfestellung und soziales Engagement ganz konkret zu machen.

“Liebe deinen Nächsten” heißt im englischen “Love your neighbour”. Der Nächste ist der Nachbar.”