Individuum und/oder Gemeinschaft?

Tewes_Fr04-186Gemeinschaft oder Individuum?

Die westeuropäische Kultur betont das Individuum, in Asien ist traditionell die Gemeinschaft wichtiger. Individualismus hat seine negativen Seiten, aber das Ernstnehmen des Individuums, der einzelnen Person, das Ernstnehmen meiner selbst ist auch positiv. Wie kann oder muss sich das im Konzept der Kleinen Christlichen Gemeinschaften niederschlagen? Ist dieser Aspekt im AsIPA-Ansatz genügend berücksichtigt, oder müssen hier bei der “Inkulturation” nach Mitteleuropa Veränderungen vorgenommen werden?

Li-Wen Chen

Li-Wen Chen

Li-Wen Chen, erfahrene AsIPA-Trainerin aus Taiwan, stellt auch für Asien ein Defizit der Beachtung des Individuums fest. In ihrer Master-Thesis und Lizentiatsarbeit, Innsbruck 2005, “Eine neue Art und Weise Kirche zu sein? Chancen und Grenzen des AsIPA-Programms in der Kirche Taiwans”, schlägt sie Impulse aus der “Kommunikativen Theologie” als sinnvolle Ergänzung und Fortentwicklung des Ansatzes vor. Ein Vorschlag, der auch für Europa wichtig ist.

Sie schreibt:

Die Chance der Erneuerung und die Möglichkeit eines Neubeginns von AsIPA

Gerade zu einer Zeit, in der AsIPA in Taiwan (oder Asien) so viele Möglichkeiten zur Entwicklung hat, aber auch Schwierigkeiten begegnet ist, bin ich zum Weiterstudium nach Europa gekommen. Weil ich am Universitätslehrgang „Kommunikative Theologie“ teilnehme, sind viele meiner Ansichten über Pastoraltraining über den Haufen geworfen worden. Aber die Teilnahme an der „Kommunikativen Theologie“ hat meinen pastoralen Erfahrungen neues Leben eingehaucht. Ich habe gesehen, was ich früher vernachlässigt und unterlassen habe, ich habe aber auch erkannt, dass AsIPA – dieser erste „Markenartikel“ der asiatischen Kirche – sowohl in Taiwan wie auch im übrigen Asien eine Chance zur Erneuerung und die Möglichkeit eines Neubeginns hat.

Was ist kommunikative Theologie?

Die Kommunikative Theologie benutzt die Themenzentrierte Interaktion (TZI), das Kommunikationsmodell von R. Cohn. Dieses Modell wurde für die Kommunikation in der Gruppe entwickelt . Es kann aber beispielhaft in der kommunikativen Theologie zur Anwendung kommen, weil es die wesentlichen Elemente einer Theologie von Glaubenspraxis und Glaubenswissenschaft aufnimmt und verbindet. (Scharer, Matthias / Hilberath, Bernd Jochen: Kommunikative Theologie. Eine Grundlegung. Mainz: Matthias-Grünewald, 2002.)

Kommunikative Theologie als Ergänzung zu AsIPA

Die kommunikative Theologie ist voll von Ideen, die das Bewusstsein von innen verändern und die sich die taiwanische Kirche und die Kirche Asiens überhaupt als Spiegel vorhalten können. Aber ich habe nicht die Absicht, einen Vergleich anzustellen zwischen AsIPA und der kommunikativen Theologie, auch nicht zwischen den Basisgemeinden und der kommunikativen Theologie. Das ist nicht der Schwerpunkt dieser Arbeit. Ich möchte nur mit Hilfe von zwei Postulaten der kommunikativen Theologie, die mich tiefgreifend beeinflusst haben, aufzeigen, wie der AsIPA-Zugang verbessert werden kann. Wenn diese zwei Postulate in die AsIPA-Methode integriert werden könnten, würde das nicht nur ein großer Fortschritt für AsIPA sein, sondern damit könnte auch eine neue Kultur in die Kirche Asiens Eingang finden.

Sei die Chairperson deiner selbst!

Meiner Ansicht kann der Begriff des „Ich“ der kommunikativen Theologie AsIPA am meisten helfen. Denn AsIPA betont unaufhörlich die Wichtigkeit des Bibelteilens, der Gemeinschaft und unserer Sendung. Die AsIPA-Unterlagen betonen auch, dass wir uns immer wieder den „Pastoral-Spiegel“ vorhalten sollen: “Mit Christus in der Mitte – Gemeinschaft werden – um gemeinsam in die Reich-Gottes-Sendung zu treten” (in AsIPA-Text D1).

In einer Versammlung, in der der Aufbau der Gemeinde erste Priorität hat, ist es ganz natürlich, dass die Rolle des Einzelnen und seine Wichtigkeit vernachlässigt werden. Wenn ich jetzt rückblickend reflektiere, wird während der ganzen Zusammenkunft ausschließlich die Bedeutung der Gemeinschaft und ihre Sendung betont. Der oder die Einzelne existiert eigentlich nur für die Gemeinschaft, hat keinen eigenen Wert sondern nur den eines Werkzeugs.
Wenn man das mit dem dreidimensionalen Dreieck der TZI vergleicht
(Siehe: Scharer, Matthias: Themenzentrierte Interaktion. Internet-Ressourcen unter: http://theol.uibk.ac.at/itl/279.html#13, (30.3.2005).) , des „Wir“ = Gemeinschaft, „Es“ = Heilige Schrift und „Globe“ = Erfüllung der Sendung, fällt einem auf, dass das „Ich“, das Subjekt und vor allem die Wichtigkeit dieses Subjekts, bei AsIPA weitgehend verdrängt oder verborgen wurde.

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Wenn sich aber der/die Einzelne selber nicht bewusst ist, dass er/sie wichtig ist, ein eigenständiges Subjekt, das von niemandem ersetzt werden kann, hinreichend seine eigene Meinung äußern kann, ohne dass es unterdrückt oder zurückgewiesen wird, ganz sich selber sein kann und ihm fast unbegrenzte Möglichkeiten offen stehen sich zu entwickeln, wenn der/die Einzelne also nicht zu diesem Bewusstsein kommen kann, wie sieht dann eine Glaubensgemeinschaft aus, die sich unter diesen Bedingungen aufbaut?
„Sei die Chairperson deiner selbst“ ist in asiatischen Ländern ein nahezu unbekanntes Konzept, in der „Bewusstheit seiner selbst und der Situation Entscheidungen zu treffen und die Verantwortung zu übernehmen“
(Scharer, Matthias / Hilberath, Bernd Jochen: Kommunikative Theologie. Eine Grundlegung. Mainz: Matthias-Grünewald, 2002, S. 155.). Ist es da erstaunlich, dass die Gemeinschaften, die wir aufbauen an einer Art „Knochenerweichung“ leiden?

„Du bist dein eigener Chairman, deine eigene Leitperson. Höre auf deine inneren Stimmen – deine verschiedenen Bedürfnisse, Wünsche, Motivationen, Ideen; brauche all deine Sinne – höre, sehe, rieche, nimm wahr. Gebrauche deinen Geist, dein Wissen, deine Urteilskraft, deine Verantwortlichkeit, deine Denkfähigkeit! Wäge Entscheidungen sorgfältig ab! Niemand kann dir deine Entscheidungen abnehmen. Du bist die wichtigste Person in deiner Welt, so wie ich in meiner. Wir müssen uns untereinander klar aussprechen können und einander sorgfältig zuhören, denn dies ist die einzige Brücke von Insel zu Insel“. „Gibt es Situationen, in denen ich Verantwortung für andere übernehmen muss, ist das vor allem dort der Fall, wo Menschen ihre Bewusstheit verloren oder noch nicht voll erreicht haben“.

Wenn ich diese Stelle lese, muss ich jedesmal weinen. Ich sehe, wie ich selbst in der Gemeinschaft geopfert wurde und wie ich dann selber, als ich in einer Führungsposition war, um die Wichtigkeit der Gemeinschaft zu betonen, „ganz sachte“ die Einzelnen als Subjekt verdrängte.

Östliche Menschen (Chinesen) haben viele Stärken. Sie können Mühsal ertragen ohne zu klagen, haben Opferbereitschaft, Gehorsam, Ausdauer und Fleiß, verzichten um der Gemeinschaft willen auf den eigenen Vorteil oder die eigene Meinung. Wenn jemand einer religiösen Gruppe beitritt (sei es die Kirche oder eine andere Religionsgemeinschaft) kommen diese Stärken voll zur Entfaltung. Darum können wir auch sehr leicht ausgenützt und manipuliert werden, d. h. man kann über uns verfügen, uns auch in verantwortliche Stellungen hineindrängen. Taiwan (und China noch mehr) ist durch die politische Situation langfristig kontrolliert worden. Diese Machtkonzentration hat sich in die Administration aller Stufen eingeschlichen. In der Erziehung sind die „Ziele des Vaterlandes“ immer höher als die „eigenen Ziele“. Daher entstehen unter dieser Erziehungspolitik der „Ziele des Vaterlandes“ in der heutigen pluralistischen, unbeständigen Gesellschaft viele Probleme, das offensichtlichste ist der Mangel an eigenständigem Denken, Urteilsvermögen und Wählen.

Das ist auch für mich, die lange in der Kirche Pastoralarbeit geleistet hat (vor allem in der Weiterbildung von Laien), mein bedrängendstes Problem. Und das frustierendste war, ich hatte den Kern des Problems entdeckt, aber keine Methode und keine Unterlagen gefunden, um diese Situation wesentlich zu verbessern. Ich wollte nämlich keine oberflächliche, provisorische Methode, ein Programm oder eine Bewegung, die das Problem vorübergehend erträglich machen würde, sondern ich suchte etwas, das von innen, gründlich, ganzheitlich, von der Basis her langsam Stück für Stück die Struktur des Subjekts neu formt. Ich glaube, dass dieses Postulat der kommunikativen Theologie – sei die Chairperson deiner selbst – nicht nur mich aufgeweckt hat, sondern dass es auch einen Mangel und eine Vernachlässigung von AsIPA korrigieren kann. Es zeigt auch einen gangbaren Weg auf, wie man reife, subjektive, sich gegenseitig unterstützende Gemeinschaften aufbauen kann.

Störungen und Betroffenheiten als theologische Lernchance

In der kommunikativen Theologie werden Störungen und Betroffenheiten als theologische Lernchance bezeichnet. Das Postulat: „Störungen und Betroffenheiten haben Vorrang“ können AsIPA in seinem Reifungsprozess helfen. In der sehr fixierten Form von AsIPA ist jeder Lernschritt auf den folgenden Lernschritt bezogen. Er hat ein klares Ziel und eine vorgegebene Zeit. Bei einer solchen vorgegebenen Planung wird alles was nicht zum reibungslosen Ablauf der Lerneinheit beiträgt, als Störung empfunden. Störungen sind in Taiwan etwas Negatives, das unter allen Umständen vermieden werden soll, damit die Harmonie in der Gemeinschaft nicht gestört wird (denn die Gemeinschaft ist wichtig und „Harmonie“ ist praktisch ihr höchstes Gut).

Wenn daher am Ende der Lerneinheit eine Evaluation erfolgt, wird auch die Frage gestellt: „Gab es irgendwelche Störungen?“ D. h., wenn es tatsächlich Störungen gab, wie kann man sie in Zukunft vermeiden? Wenn alle Teilnehmenden das Gefühl haben „keine Rechte zu haben“ oder „man sollte nicht“.. weil durch solche „persönliche Emotionen oder Probleme“ der reibungslose Ablauf und der Lernerfolg in Frage gestellt wird, was gibt es da noch Wichtigeres? Diese Befürchtung, den „Fortschritt“ der Gemeinschaft aufzuhalten, hindert AsIPA nicht nur auf dem Weg Basisgemeinden aufzubauen, indem sie verhindert, dass man sich den „Störungen“ stellt, sie als Herausforderungen betrachtet und daraus lernt. Noch trauriger ist, dass diese Haltung eine der Eigenheiten von AsIPA verhindert, nämlich, dass „der Prozess wichtiger ist als das Ziel“ und so die Vision vom „pilgernden Gottesvolk“ nicht klar zum Ausdruck bringen kann.

AsIPA kann in der kommunikativen Theologie die Gruppenführung erneuern

In Taiwan war ich lange Zeit in der Heranbildung von Laien-Führungskräften tätig, und zwar immer in einem Leitungsteam. Darum hat mich bei der Teilnahme an der Kommunikativen Theologie die Gruppenführung am meisten beeinflusst und ich habe da auch am meisten gelernt. Ich glaube, dass ein reifes Leitungsteam für die Bildung einer Gemeinschaft die größte Bedeutung hat. Ich bin überzeugt, dass AsIPA noch einige wichtige Punkte der kommunikativen Theologie übernehmen und sich im Führungsteam als Spiegel vorhalten kann.

  1. Ich habe bei meiner Teilnahme am Lehrgang der kommunikativen Theologie einen „Licht und Salz sein-“ Führungsstil erleben dürfen. Das Leitungsteam leitet den Prozess wie das Licht, ist aber immer bereit sich mit unerwarteten Situationen auseinander zu setzen und der Gemeinschaft mit Weisheit, Erfahrung und Fachwissen zu helfen in Solidarität den Weg zu finden. Und wie das Salz verbessert es den „Geschmack“ der Gemeinschaft oder schützt sie vor dem „Verderben“. Die Mitglieder des Teams bringen es fertig, keinen Druck auf die Gruppe auszuüben, sie lösen sich auf wie „Salz im Wasser“ und zeigen in großem Maß eine von AsIPA so gepriesene Eigenheit – einen partizipativen Führungsstil.
  2. In diesem Kurs habe ich sehr viel gelernt, vor allem über die Planung dieses Kurses, die Stundenverteilung. Der/die Planende ist sich immer bewusst, welches Zielpublikum angesprochen wird. Ihre Planung ist immer so gut, dass z.B. die Teilnehmenden wegen des Kurses ihre Arbeit nicht für zwei Jahre unterbrechen oder sonst viele Tage Urlaub nehmen müssen.
  3. Die häufige Abwechslung im ReferentInnenteam belebte die Arbeit, so dass wir immer wieder von neuen ReferentInnen neue Methoden kennen lernen und reflektieren konnten.
  4. Fast alle Referentinnen und Referenten hatten große Kapazitäten an Toleranz und Geduld. Sie sind selten der Versuchung zu autoritärem, manipulativen Verhalten erlegen.
  5. Die Zusammenarbeit und den Teamgeist habe ich immer bewundert. Als ob sie einander schon jahrelang kennten, so vertraut waren sie miteinander. Ich möchte gerne wissen, wie man eine solche Atmosphäre erreichen und pflegen kann?
  6. Das ReferentInnen-Team hatte immer eine gute Vorbereitung, und doch schien es, als ob sie gar nicht vorbereitet wären, denn sie zogen die Teilnehmenden in die Vorbereitung mit ein und vertrauten entspannt auf die Mitarbeit der Teilnehmenden.
  7. Die Mitglieder des Teams haben sich in der Gruppe als Begleiter und Animatoren gezeigt, nie ihre Meinung durchgesetzt, sondern sie ließen dem Hl. Geist Raum jeden der Teilnehmer bewegen zu können.
  8. Die Leitung schenkt den Teilnehmenden großes Vertrauen, ließ uns alles selber entscheiden, mischte sich nicht ein (99%) und beeinflusste uns auch nicht. Sie gab uns das Gefühl, dass es unsere Gruppe war, wir waren frei unserer Gruppe ihr eigenes Gesicht zu geben.